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Aktuelles 28.04.2023

Interview interpack2023

Interview mit Markus Rustler, interpack-Präsident und Geschäftsführender Gesellschafter der Theegarten-Pactec GmbH & Co. KG

„Wir werden mit wehenden Fahnen in Düsseldorf einreiten!“

interpack-Präsident und Theegarten-Pactec-Geschäftsführer Markus Rustler über die aktuellen Herausforderungen in der Verpackungsbranche, die Megatrends “Nachhaltigkeit” und “Digitalisierung” und wie diese nicht nur die interpack, sondern darüber hinaus die Branche auf Jahre dominieren werden sowie über seine Erwartungen an die kommende Messe.

Wie schätzen Sie die aktuelle wirtschaftliche Lage in der Verpackungsbranche ein?

Über zwei Jahre Pandemie und ein Jahr Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine haben zumindest in Teilen der weltweiten Verpackungsbranche zu einer Zurückhaltung bei den Investitionen geführt. Hier gibt es einen gewissen Nachholbedarf an zurückgestellten Vorhaben. Es ist allerdings schwierig, die ganze Verpackungsbranche über einen Kamm zu scheren. Denn auch während der Pandemie und auch im vergangenen Jahr konnten manche Nischen in der Verpackungsbranche auf eine sehr gute und stabile Auftragslage blicken, wie etwa in den Bereichen Hygiene, Medical oder Pharma, die über die gesamte Zeit mehr zu tun hatten, als sie leisten konnten. Andere Bereiche – und dazu zähle ich auch uns, die Süßwarenindustrie – waren da eher etwas verhaltener

Was sind Ihre Erwartungen für 2023, auch in Bezug auf Theegarten-Pactec?

Neben den Turbulenzen wie der Pandemie und dem Krieg in der Ukraine, blicken wir nach wie vor auf sehr gestörte Lieferketten. Und dieses Thema ist aus meiner Sicht noch lange nicht ausgestanden. Ich denke, dass wir auch 2023 leider alle sehr schwer zu kämpfen haben werden – in Bezug auf das Thema Verfügbarkeit von speziellen elektronischen Komponenten!
Was die Verfügbarkeit von Rohstoffen und die Energiepreise und speziell die Gaspreisentwicklung angeht, habe ich den Eindruck, dass sich die Lage ein wenig entspannt. Aber unterbrochene oder gestörte Lieferketten, beispielweise für spezielle Chips, sind nach wie vor ein Riesenproblem. Das wirkt sich natürlich auch auf unsere Branche aus.
Wenn Sie in die Montagehallen – von Theegarten-Pactec ebenso wie bei anderen Unternehmen – schauen, sehen Sie, dass diese voll sind mit Maschinen, die zu 98 Prozent komplettiert sind. Hier fehlen lediglich ein Kabel, ein paar Sicherheitsschalter, ein paar Steuerungen, ein Touch-Screen oder ein Servomotor, die aber am Weltmarkt einfach nicht verfügbar sind. Die Auswirkungen sind katastrophal: Die Maschinen sind quasi fertig, können aber nicht ausgeliefert und zu Umsatz konvertiert werden.

Erwarten Sie, dass in den nächsten Monaten der Knoten platzt?

Nein, das sehe ich momentan noch nicht. Diese Frage kann aber auch niemand beantworten Wir sind, was die fehlenden Komponenten angeht, wirklich wöchentlich in engem Austausch mit unseren wichtigsten Lieferanten. Alle haben mehr oder weniger dieselben Probleme. Und damit meine ich nicht nur die Lebensmittel- oder Süßwarenbranche oder den Maschinenbau im Bereich Verpackung – das betrifft den Maschinenbau weltweit. Aus der Automobilindustrie hört man, dass in einzelnen Fällen Neuwagen aufgrund des Chipmangels nur noch mit einem Schlüssel statt mit zwei ausgeliefert werden. Oder gehen Sie in einen Elektronik-Markt und schauen Sie sich die aktuell verfügbaren Wasch- und Spülmaschinen an: Im Vergleich zu vor vier Jahren haben Sie hier nahezu keine Auswahl mehr. Das ist eine katastrophale Entwicklung, bei der niemand sagen kann, „Ab Juni oder Juli ist alles wieder normal“.

Haben Sie da schon eine Ausweichbewegung vorgenommen, sprich sich zusätzliche Lieferanten gesucht, um resilienter zu sein?

Soweit technisch möglich, haben wir das natürlich gemacht. Hier ist es allerdings ein Nachteil, dass sich Theegarten-Pactec auf High-Speed-Equipment fokussiert. Wir haben hohe technische Anforderungen und folglich ist die Anzahl der Substitute beschränkt. Zusätzlich haben wir vergangenes Jahr damit begonnen, uns konstruktiv andere Lösungen auszudenken, die wir heute schon verbauen. Das hilft aber leider nicht zu 100 Prozent. Und wenn Sie anfangen, bestehende Maschinen umzukonstruieren, um diese Nichtverfügbarkeit von Teilen zu kompensieren, sind das enorme Aufwände, die nicht bezahlt werden.

Welche Trends und Themen, die uns in den kommenden Jahren begleiten werden, beobachten Sie in der Branche?

Also für uns bei Theegarten-Pactec – und ich glaube, das gilt für die gesamte Branche – sind die beiden Megatrends auf der interpack und auch in der Zukunft Nachhaltigkeit und die Digitalisierung – nachhaltigere Verpackungsmaterialien und Effizienzsteigerung durch Digitalisierung, um genau zu sein. Weitere Top-Themen in diesem Zusammenhang sind Kreislaufwirtschaft, Reduzierung von Materialeinsatz und eine Erhöhung der Recyclingfähigkeit durch den Einsatz von Monomaterialien, die der Wiederverwertung besser zugeführt werden können als gängige, schwer zu recycelnde Verbundstoffe.
Ein weiteres spannendes Thema ist der Einsatz von Recyclaten: Wenn jetzt alle Hersteller weltweit auf dieses Thema aufspringen, haben wir dann noch genug Recyclat zur Verfügung? So gut diese Bemühungen auch sind: In der westlichen Welt mag das noch klappen, weil wir mehr oder weniger gut funktionierende Wertstoffsysteme haben, um Verpackungsmaterial wiederzuverwerten. Aber was ist mit den wirklich großen Märkten wie Asien, Afrika oder auch Südamerika? Hier sind wir weit von einer funktionierenden Kreislaufwirtschaf entfernt, um Material wiederzuverwerten. Das wird aus meiner Sicht auch noch Jahrzehnte dauern, bis es soweit ist. Aber wir müssen trotzdem damit anfangen – je früher, desto besser.

Welchen Stellenwert hat das Thema Nachhaltigkeit bei Theegarten-Pactec?

Ressourcenschonung, energieeffiziente bzw. CO2-neutrale Produktion sind Themen, die wir bei Theegarten-Pactec schon lange auf dem Schirm haben. In der jüngsten Vergangenheit haben wir in puncto Nachhaltigkeit noch einmal Riesenschritte gemacht: seit 1.1.2023 ist Theegarten-Pactec als Unternehmen CO2-neutral. Das führte bei unseren Kunden zuerst zu großen Augen und dann zu offenen Ohren. Mittlerweile ist die Begeisterung groß, dass wir diese Schritte gehen. Wenn die ESG-Reporting-Pflicht ab 2025 kommt und künftig auch mittelständische Unternehmen im Jahresabschluss berichten müssen, welche Nachhaltigkeitsstrategie verfolgt wird und wie man mit dieser vorangekommen ist, betrifft es ohnehin die gesamte Branche. Wir haben dazu einen klaren Fahrplan und sammeln bereits jetzt Daten, um vorbereitet zu sein und der Berichtspflicht nachzukommen. Allerdings waren für uns die gesetzlichen Regelungen und Auflagen nicht der initiale Faktor: Nachhaltiges und ressourcenschonendes Wirtschaften ist bei Theegarten-Pactec intrinsisches motiviert und Teil der Unternehmensphilosophie. Denn wir sind uns der besonderen Verantwortung als Unternehmen gegenüber kommenden Generationen sehr wohl bewusst und handeln entsprechend.

Wie sieht es konkret mit den Maschinen von Theegarten-Pactec aus – lässt sich hier in puncto Nachhaltigkeit und Energieeffizienz noch mehr herausholen?

Unsere Maschinen sind bereits sehr auf Energieeffizienz getrimmt, aber ich sehe durchaus noch ökologisches Potenzial. Wir sind zwar als Unternehmen CO2-neutral, das gilt aber noch nicht für den Lebenszyklus unserer Produkte. Wir verwenden zudem bei vielen unserer Maschinen Gussstahl für das Grundgehäuse. Das ist enorm energieintensiv in der Herstellung wie auch in der Weiterverarbeitung. Aber auch das kann man natürlich CO2-neutral stellen. Daher ist das auch der nächste Schritt, den wir gehen wollen. Wir möchten unseren Kunden sagen können, dass wenn sie eine Maschine bei uns bestellen, diese bis zur Ankunft am Werktor und zur Inbetriebnahme in der Produktion CO2-neutral ist.
Außerdem glaube ich, dass wir in Bezug auf Effizienz, was die Geschwindigkeit oder den Platzbedarf der Maschinen angeht, noch nicht das Ende der Fahnenstange erreicht haben. Hinsichtlich des Energieverbrauchs sind unsere Anlagen schon optimal ausgelegt, aber es gibt auch hier sicherlich noch marginale Verbesserungsmöglichkeiten. So kann man z.B. auf Einrichtungen verzichten, welche die in der Erzeugung sehr intensive Druckluft benutzen, und Alternativen finden.

Setzt die Verpackungsindustrie angesichts der „No-Waste“-Bewegung und der Proteste der „letzten Generation“ Ihrer Meinung nach in puncto „Nachhaltigkeit“ überhaupt noch auf das richtige Geschäftsmodell?

Ich sehe das so: Verpackungen schützen die Produkte und somit auch die Verbraucher. Sie bewahren die Produkte vor Schäden, Verunreinigungen und sorgen sogar für weniger Nahrungsmittelverlust und somit Ressourcenverschwendung. Verschiedene Studien gehen davon aus, dass 33 bis 40 Prozent der weltweit produzierten Lebensmittel direkt im Müll landen. Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen. Diese Verschwendung ist zum Teil sicherlich darauf zurückzuführen, dass die Nahrungsmittel aufgrund unzureichender Kühlketten, unzureichender Verpackung und damit unzureichendem Schutz gar nicht erst zum Endkonsumenten gelangen. Überspitzt gesagt: Wir hätten weltweit ein sehr geringeres Hungerproblem, wenn wir das reduzieren und vermeiden könnten.
Ich glaube, dass es Verpackung immer und dass es eher mehr als weniger Verpackung geben wird. Entscheidend ist doch – und da ist auch die Verantwortung des Konsumenten, vor allem in der westlichen Welt gefragt – dass wir am Ende sorgsam damit umgehen und die genutzten Verpackungen im Sinne einer Kreislaufwirtschaft der Wiederverwertung zugeführt werden. Außerdem ist die Frage, was eine nachhaltige Verpackung tatsächlich ausmacht, noch nicht geklärt. Die Nachhaltigkeit einer Verpackung zu bewerten ist komplex und muss über den gesamten Lebenszyklus betrachtet werden. Es gibt hier nicht die eine nachhaltige Verpackung.

Das trifft auf Primärverpackungen zu – aber was ist mit Sekundärverpackungen? Braucht es denn tatsächlich noch einen Umkarton, oder wären Rückführsysteme mit Boxen in beispielsweise drei Größen nicht die bessere Lösung?

Technisch kann ich mir das durchaus vorstellen. Es gibt mittlerweile Start-ups, die sich genau mit solchen Themen beschäftigen. Modelle für ein Kreislauf-System wie bei Recup zu finden, bei der man die Verpackung an anderer Stelle wieder abgeben kann. Ein Boxen-System für Zweitverpackungen – ob das am Ende wirklich schonender ist? Da die Boxen mehrfach verwendet werden sollen, müssen sie aus stabilen Materialien sein. Ich denke da im ersten Schritt z.B. an Hartplastikboxen. Ob diese dann umweltschonender sind als Kartonage, lasse ich einmal dahingestellt.
Und wie würde das etwa bei Bestellung im Online-Handel, z.B. bei Amazon konkret aussehen? Wie und wo kann ich als Konsument diese Kiste wieder zurückgeben, sodass die Box sinnvollerweise immer im Umlauf ist? Ist dann ein Pfand drauf? Und was hieße das für die Paketboten? Immerhin sind solche Kisten recht schwer. Das Gewicht hätte dann wiederum auch einen erheblichen Einfluss auf den CO2-Fußabdruck der Bestellung. Alles in allem also eine sehr komplexe Herausforderung

Mit welchen Lösungsansätzen können wir auf der interpack rechnen?

Ich glaube – und das werden wir auf der interpack sehen – dass der Weg eher in Richtung neue Materialien zu suchen sein wird. So gibt es jetzt bereits Verpackungen auf Algenbasis oder organische Polster für den Transport aus Pilzgewebe als Alternative zu erdölbasierten Produkten. Hier sehe ich noch sehr viel Potenzial für Entwicklung und Investitionen.

Wie beeinflusst die Entwicklung solcher Alternativen Theegarten-Pactec?

Wir bei Theegarten-Pactec sehen das so:  Egal, welche Packmittel unsere Kunden verwenden wollen, um Bonbons, Schokoriegel etc. damit zu verpacken – wir erarbeiten die passende technische Lösung dafür. Das ist unsere Aufgabe und gleichzeitig unsere Herausforderung.

Ein weiteres Trendthema der diesjährigen interpack ist „Digitale Technologien”. Wie weit ist das Thema Digitalisierung in der Branche und bei Theegarten-Pactec vorgedrungen?

Die Digitalisierung beschäftigt uns natürlich nicht erst seit Kurzem, sondern schon seit einigen Jahren. Ganz aktuell haben wir beispielsweise vor zwei Jahren ein Start-up gegründet: die Sweet Connect GmbH. Hier schufen wir mit unseren Partnern Sollich, Chocotech, Oka und Winkler + Dünnebier eine Digitalisierungsplattform speziell für die Süßwarenindustrie. Die Plattform bietet den Kunden die Gelegenheit, die gesamte Produktion digital abbilden zu können. Damit wollen wir – besser als jeder Hersteller für sich allein – mit gebündelten Ressourcen unseren Kunden gemeinsam eine praxistaugliche digitale Plattform zur Verfügung stellen. Dieser Ansatz kommt bei unseren Kunden weltweit enorm gut an. Im Moment sind wir mit weiteren potenziellen Partnern im Gespräch.
Natürlich versuchen wir auch bei Theegarten-Pactec jede unserer Entwicklungen – nicht nur bei Neuentwicklungen, sondern auch bei bestehenden Maschinen – durch digitale Möglichkeiten noch intelligenter zu machen. Für unserer Kunden wird es immer schwieriger qualifiziertes Bedienpersonal zu finden. Je mehr die Maschine also am Ende dem Bediener hilft, optimal betrieben zu werden, desto besser. So arbeiten wir z.B. an Konzepten, dass die Maschine auf Fehler hinweist, dem Operator genau sagt, wo sie gereinigt werden muss, wo Einstellungen vorgenommen werden müssen. Mehr dazu gibt es ebenfalls auf der interpack bei uns am Stand.

Was sind Ihre Erwartungen an die interpack 2023?

Die letzte interpack ist mittlerweile fast sechs Jahre her. Das ist in unserer Branche eine Ewigkeit. Ich gehe davon aus, dass wir riesige Innovationssprünge sehen werden – nicht zuletzt mangels Präsentationsmöglichkeiten in der Zwischenzeit. Und wenn ich mich im Kreise der Aussteller so umhöre, sind alle sehr, sehr positiv gestimmt und erwarten eine gigantische Messe, natürlich auch wir bei Theegarten-Pactec. Wir sind ein international tätiges Unternehmen – und das ist es auch, was uns begeistert und unser Geschäft so spannend macht: Durch unseren hohen Exportanteil sind wir wirklich überall auf der Welt unterwegs und kommen mit den unterschiedlichsten Kulturen und Menschen in Kontakt. Wenn diese nun alle an einem so schönen Platz wie Düsseldorf zusammenkommen und wir sie von unseren Produkten begeistern können und es idealerweise sogar zu Kaufabschlüssen kommt, freut uns das natürlich sehr. Wir werden jedenfalls mit wehenden Fahnen in Düsseldorf einreiten.

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