Thema Industrie 4.0 - Interview mit Markus Rustler

Ein Großes Potential zur Effizienzsteigerung

Artikel erschienen im Magazin Sweets Processing, Ausgabe 7-8/2016.

Als zukunftsweisende Entwicklung wird Industrie 4.0 als Begriff für die vierte industrielle Revolution nach der Einführung der Dampf- und Kraftmaschinen, der Umstellung auf Fließbandarbeit und der Informationstechnologie diskutiert. Was ist wirklich dran? Ein Interview mit Markus Rustler, geschäftsführender Gesellschafter von Theegarten-Pactec.

Bei den Tessiner Innovationstagen 2016 hat Markus Rustler, Firmenchef der Theegarten-Pactec GmbH & Co. KG, kenntnisreich und spannend über Industrie 4.0 referiert. Die vierte industrielle Revolution sei vorerst noch ein „Marketingbegriff vor allem der deutschen Politik“, sagte er, der erst noch mit Leben gefüllt werden müsse. sweets processing sprach mit dem Experten.

sweets processing: Seit einiger Zeit ist das Thema Industrie 4.0 ständig zu hören. Wie sehr befasst sich die Süßwarenindustrie bereits damit?

Markus Rustler: Industrie 4.0 ist zunächst mal ein Marketingschlagwort, initiiert von der Deutschen Bundesr egierung. Hierbei geht es um die Vernetzung von Prozessen in der Industrie. Ein allgemeingültiger Leitf aden, was dabei umzusetzen ist, f ehlt bis heute. Produktionsprozesse transparent zu gestalten, wichtige Daten immer abrufbar zu haben, diese richtig zu analysieren und schlussendlich die rich tigen Handlungsschritte abzuleiten, birgt ein großes Potential zur Ef fizienzsteigerung in sich. Somit befasst sich auch die Süßwarenindustrie, wie wahrscheinlich alle Branchen, mit diesem Thema.

sp: Welchen Stellenwert hat das Themaderzeit in Ihrem Unternehmen?  

MR: Unsere Arbeit im Bereich Forschung und Entwicklung zielt selbstverständlich darauf ab, unsere Produkte in Hinblick auf Effizienz, Qualität und Flexibilität zu verbessern. Im Maschinenbau erfolgt dies klassischerweise durch neue mechanische Konzepte oder neue Werkstoffe, die physikalische Grenzen erweitern. Aber auch die immer besser werdende Kommunikation zwischen Mensch und Maschine bzw. Maschine und Maschine ist ein Baustein zur Steigerung von Effizienz, Qualität und Flexibilität der Anlagen. Dieses Thema ist bei Theegarten- Pactec schon seit Jahren präsent – auch schon, bevor Industrie 4.0 ausgerufen wurde.

sp: Haben Sie bereits Projekte in diese Richtung gestartet?

MR: Wir haben bereits 2011 begonnen, unser User Interface und die damit verbundene Aufbereitung der Daten für den Operator und das Management zu überarbeiten. Somit haben wir eine Plattform geschaffen, welche die Performance unserer Anlagen transparenter machen. Somit können beispielsweise Effizienzverluste in Korrelation zu Zeit, Umgebungst emperatur oder anderen Parametern gesetzt werden und die Fehlersuche und Hilfe zur Selbsthilfe unterstützt werden. Selbstverständlich haben wir in diesem Zuge die intuitive Unterstützung der Wartungs- und Reinigungsprozesse optimiert, z. B. mittels Hinweise auf Service- und Wartungsintervalle durch die Maschine.

Durch die weiter voranschreitende Automatisierung sind unsere Maschinen in komplexen Systemen verkettet, die oft durch wenige oder sogar nur einen Operator bedient werden. Diese Mehrmaschinenbedienung unterstützen wir durch die Integration des User Interface in mobile Endgeräte. Und natürlich können die Daten der Maschinen somit von jedem Punkt der Welt abgerufen und auch bearbeitet werden.

sp: Es wird zwar viel über die „Revolution“ durch innovative Technologien debattiert. Doch so klar scheint die Richtung noch nicht zu sein.

MR: Das sehe ich genauso. Wichtig ist, das Sinnvolle von den Spinnereien zu separieren. Viele Ideen, die diskutiert werden, sind sicher „nice-to-have“, bei genauerer Betrachtung allerdings nutzl os. Dennoch muss man sich als innovatives Unternehmen mit diesen Themen permanent auseinandersetzen und es stetig bewerten.

„Wichtig ist, dass die Industrie die „Standards“ setzt und nicht irgendwelche IT-Unternehmen“

sp: Sind hier einheitliche Standards und Schnittstellen in Sicht?

MR: Ich denke, dass an verschiedensten Stellen versucht wird, Standards zu definieren. Am Ende muss aber sicher jedes Unternehmen für sich entscheiden, was sinnvoll ist und was nicht. Wichtig ist aus meiner Sicht, dass die Industrie die „Standards“ setzt und nicht irgendwelche IT-Unternehmen, wie es schon in anderen Branchen zu sehen ist.

sp: Was wird Industrie 4.0 für die Geschäftsführung, aber auch für Mitarbeiter und die Menschen bedeuten?

MR: Auch diese Frage bedingt die Definition von Industrie 4.0. Grundsätzlich kann mehr Vernetzung zu schnelleren Prozessen und höherer Effizienz führen – ich wiederhole m ich – da wo es sinnvoll ist. Geschäftsführer und Mitarbeiter von Industrieunternehmen müssen sich mit neuen Technologien permanent auseinandersetzen und entscheiden, was einen Mehrwert birgt.

sp: Ist der Mittelstand für diese Herausforderungen gerüstet?

MR: Eine Verallgemeinerung fällt hier sicher schwer. Allerdings investieren mittelständische Unternehmen wie Theegarten-Pactec, die sich als Technologieführer in ihrer Nische verstehen, von jeher in Forschung und Entwicklung. Somit sehe ich für uns hier keine Probleme. Tatsächlich wird das Budget nicht so hoch sein wie bei Konzernen. Aber dadurch überlegt man vielleicht etwas genauer, welches Entwicklungsthema sinnvoll ist und dem Kunden am Ende dient.

sp: Theegarten-Pactec ist mit einem Exportanteil von über 90 % und Vertretungen in mehr als 100 Ländern heute schon weltweit ganz nah bei den Kunden. Wird der Wettbewerbsdruck durch die Digitalisierung und Vernetzung, die stark vorangetrieben werden, für Sie noch zunehmen?

MR: Der Wettbewerbsdruck war, ist und wird hoch sein – hier erwarten wir keinen Unterschied. Vielmehr sehen wir die Digitalisierung und Vernetzung der Wertschöpfungskette als Komponente der Weiterentwicklung unserer Verpackungssysteme.

sp: Einer der zentralen Punkte ist auch das Sammeln von Big Data in den Clouds. Welche Risiken sehen Sie da?

MR: Wie die Frage schon feststellt, ist das Sammeln und Aufbereiten von Daten auf deren Basis gehandelt werden kann, ein elementares Ziel von I ndustrie 4.0. Dass dabei die Sicherheitsfrage der Daten und Netzwerke den IT-Verantwortlichen in den Unternehmen schlaflose Nächte bereitet, ist auch kein Geheimnis. Am Ende wird sich zeigen, ob Kunden dazu bereit sind, sich bezüglich der Weitergabe von Daten zu öffnen, wenn sie dadurch einen Vorsprung in der Effizienz erhalten.

„Daten allein können noch keine Maschine bauen oder einen Schokoriegel verpacken“

sp: In den vergangenen Jahren wurden Milliarden in Informations- und Kommunikationstechnologien investiert. Und diese fordern immer stärker die Priorität im gesamten Wirtschaftsgeschehen, wie aktuell gut in der Automobilbranche zu sehen ist. Wird Ihrer Ansicht nach künftig das produktionsorientierte Wirtschaftsmodell seinen bestimmenden Einfluss verlieren?

MR: Das denke ich nicht. Datenverarbeitung ist am Ende nur ein Werkzeug, das einen bestimmten Nutzen erfüllen / unterstützen kann. Daten allein – egal wie gut sie aufbereitet sind – können noch keine Maschine bauen oder einen Schokoriegel verpacken.

sp: Trends wie Individualisierung und Flexibilität werden auch in der Süßwarenbranche immer stärker. Wie kann die Zulieferindustrie die multinationalen Konzerne, aber auch die Mittel ständler bei diesem Wandel am besten unterstützen?

MR: Das ständige Neuentwickeln und Ableiten von Produkten und die saisonale Produktion sind charakteristisch für die Süßwarenindustrie. Zudem sieht man einen Trend zu kür zeren Produktl ebenszyklen. Theegarten- Pactec als Verpackungsmaschinenbauer kann die Süßwarenproduzenten dahingehend unterstützen, immer flexiblere Maschi nen in Bezug auf Abmessungen der zu verpackenden Produkte und Umstellung in verschiedene Einschlagarten zu entwickeln. Daran arbeiten wir, ohne die hohen Ausbringungen und Effizienz der Maschinen zu vernachlässigen, welche die Voraussetzungen für die Produktion von FMCG sind.

sp: Herr Rustler, vielen Dank für das Gespräch.

 

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